Der Absturz schmerzt – doch genau jetzt wird es spannend

Noch zu Jahresbeginn schien beim Silberpreis kein Halten mehr. Die Euphorie trieb das Edelmetall auf ein Rekordhoch von über 120 US$ je Feinunze. Heute, nur wenige Monate später, hat sich das Bild komplett gedreht: Silber notiert mehr als 50% unter seinem Januar-Hoch, viele Anleger haben entnervt aufgegeben und die Stimmung ist so schlecht wie lange nicht mehr.

Doch genau in solchen Phasen entstehen an den Rohstoffmärkten häufig die besten langfristigen Chancen. Denn während die Kurse massiv gefallen sind, haben sich viele fundamentale Argumente für Silber kaum verändert – einige sprechen inzwischen sogar noch stärker für das Edelmetall.

Kurzfristig bleibt der Gegenwind kräftig

Die Belastungsfaktoren sind derzeit offensichtlich. Der starke US-Dollar, hohe Anleiherenditen und der restriktive Kurs der US-Notenbank setzen den Edelmetallen zu. Hinzu kommen zuletzt wieder steigende Ölpreise, die Inflationssorgen schüren und Zinssenkungshoffnungen dämpfen. Entsprechend richtet sich der Blick der Anleger auf die Fed-Sitzung am Mittwoch. Zwar gilt eine Zinspause als wahrscheinlich, doch bereits ein überraschend straffer Ton von Fed-Chef Kevin Warsh könnte Silber kurzfristig erneut unter Druck setzen.

Das strukturelle Defizit bleibt bestehen

Trotz der schwachen Kursentwicklung hat sich an der fundamentalen Ausgangslage wenig geändert. Der physische Silbermarkt steuert 2026 auf das sechste Angebotsdefizit in Folge zu. Gleichzeitig bleiben die Lagerbestände an der COMEX historisch niedrig.

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Hinzu kommt ein strukturelles Problem auf der Angebotsseite: Rund drei Viertel der weltweiten Silberproduktion entstehen lediglich als Nebenprodukt beim Abbau von Kupfer, Blei oder Zink. Selbst deutlich steigende Silberpreise führen daher nicht automatisch zu einer höheren Förderung. Das Angebot reagiert nur sehr träge auf eine steigende Nachfrage.

Industrie bleibt ein starker Nachfrageanker

Zwar reduziert die Solarindustrie ihren Silberverbrauch durch effizientere Produktionsverfahren und den verstärkten Einsatz von Kupfer. Dieser sogenannte Thrifting-Effekt belastet den Markt kurzfristig.

Dem gegenüber stehen jedoch mehrere langfristige Wachstumstreiber. Rechenzentren, Künstliche Intelligenz, Elektromobilität, moderne Elektronik sowie der Ausbau der Stromnetze benötigen weiterhin große Mengen Silber. Viele Marktbeobachter gehen deshalb davon aus, dass die industrielle Nachfrage hoch bleibt und den Rückgang aus der Photovoltaik zumindest teilweise kompensiert.

Sollte sich zudem der weltweite Ausbau erneuerbarer Energien infolge geopolitischer Unsicherheiten weiter beschleunigen, könnte auch die Solarnachfrage mittelfristig wieder an Dynamik gewinnen.

Analysten bleiben trotz Korrektur optimistisch

Auffällig ist, dass zahlreiche institutionelle Investoren ihren langfristigen Optimismus bislang nicht aufgegeben haben.

WisdomTree sieht die heftige Korrektur sogar als notwendige Bereinigung übertriebener Spekulationen und erwartet bis zum zweiten Quartal 2027 weiterhin einen Silberpreis von rund 70 US$ je Feinunze. Auch JPMorgan hält an einem langfristigen Kursziel von rund 81 US$ fest. Der Analystenkonsens der London Bullion Market Association (LBMA) bewegt sich ebenfalls knapp unter der Marke von 80 US$.

Etwas vorsichtiger zeigt sich dagegen UBS. Die Schweizer Großbank hat ihre bevorzugte Einstiegszone zuletzt auf 48 bis 50 US$ abgesenkt. Die langfristig positive Einschätzung für Silber stellte die Bank jedoch nicht infrage.

Charttechnik: Noch fehlt das Kaufsignal

Aus charttechnischer Sicht befindet sich Silber weiterhin klar in einer Korrektur. Mit einem Rückgang von inzwischen mehr als 50% gegenüber dem Hoch von Ende Januar bleibt der übergeordnete Abwärtstrend intakt. Zusätzlichen Druck erzeugt ein sogenanntes Death Cross, bei dem die 50-Tage-Linie unter die 200-Tage-Linie gefallen ist – ein klassisches Warnsignal für die mittelfristige Trendentwicklung.

Immerhin verteidigt Silber bislang erfolgreich den wichtigen horizontalen Unterstützungsbereich zwischen 54,47 und 54,78 US$. Sollte diese Zone jedoch nachhaltig unterschritten werden, dürfte zunächst die psychologisch wichtige 50-US$-Marke in den Fokus rücken. Darunter verläuft bei rund 49,20 US$ die viel beachtete 100-Wochen-Linie, die als nächste bedeutende Unterstützung dienen könnte.

Für eine nachhaltige Trendwende müssen die Käufer dagegen noch einige Hürden überwinden. Erst wenn Silber sowohl die 50-Tage- als auch die 200-Tage-Linie zurückerobert und zusätzlich die seit Monaten bestehende Abwärtstrendlinie im Bereich von rund 72 US$ durchbricht, würde sich das charttechnische Bild deutlich aufhellen.

Fazit: Schlechte Stimmung, starke Fundamentaldaten

Selten klaffen Stimmung und fundamentale Entwicklung so weit auseinander wie derzeit. Charttechnisch spricht aktuell noch vieles für Vorsicht und kurzfristig könnte die Volatilität hoch bleiben. Die Geldpolitik der Fed, der US-Dollar und die Entwicklung der Anleiherenditen dürften den Silberpreis auch in den kommenden Wochen maßgeblich beeinflussen.

Langfristig präsentiert sich das Bild jedoch deutlich freundlicher. Das strukturelle Angebotsdefizit besteht fort, die industrielle Nachfrage wird von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz, Elektrifizierung und Rechenzentren gestützt und selbst vorsichtigere Analysten rechnen nicht mit einer dauerhaften Schwächephase.

Gerade weil die Stimmung derzeit ausgesprochen pessimistisch ist, könnte sich für geduldige Anleger eine interessante Einstiegsphase entwickeln. Noch fehlt zwar das charttechnische Kaufsignal. Doch sollte Silber den laufenden Korrekturzyklus erfolgreich abschließen, dürfte das Edelmetall aufgrund seiner traditionell hohen Dynamik zu den größten Profiteuren einer neuen Rohstoffhausse gehören.

Alexander Hirschler
Alex ist studierter Betriebswirt. Er hat sich schon sehr früh für Finanzthemen interessiert und eine große Leidenschaft für die Börse entwickelt. Daraus ist eine Berufung geworden. Seit 2016 schreibt er fundierte Aktienanalysen mit dem Ziel, Anlegern eine Hilfestellung bei ihren Investmententscheidungen zu geben. Finde Alex auf Xing