Der Ölmarkt steht vor einer neuen Bewährungsprobe. Brent hat erstmals seit der zweiten Julihälfte wieder die psychologisch wichtige Marke von 100 US$ je Barrel überwunden. Gleichzeitig eskaliert der Konflikt zwischen den USA und Iran rund um die Straße von Hormus, während China seine Ölnachfrage wieder hochfährt. Mehrere Investmentbanken haben deshalb ihre Preisprognosen angehoben. Die entscheidende Frage lautet nun: Ist der Sprung über 100 US$ nur ein kurzfristiger geopolitischer Schock – oder der Auftakt zu einer neuen Ölpreisrally?

Brent wieder über 100 US$

Der Ölpreis hat am Mittwoch ein wichtiges charttechnisches und psychologisches Signal geliefert. Brent stieg zeitweise auf rund 100 US$ je Barrel und damit erstmals seit dem 24. Juli wieder über diese Schwelle. Seit Anfang August hat sich der Preis damit um rund ein Viertel verteuert.

Der Auslöser ist vor allem die dramatische Verschärfung des Konflikts im Nahen Osten. Die USA haben nach eigenen Angaben mehrere iranische Rohöltanker angegriffen, nachdem iranische Kräfte zuvor versucht hatten, ein US-Kriegsschiff mit ballistischen Raketen zu treffen. Teheran reagierte mit weiteren Angriffen auf Schiffe in der Region und Raketenangriffen auf das mit den USA verbündete Jordanien.

Damit rückt die Straße von Hormus erneut ins Zentrum des Geschehens. Durch die strategisch wichtige Meerenge zwischen Iran und Oman werden normalerweise rund ein Fünftel der weltweiten Öltransporte abgewickelt. Eine länger anhaltende Störung hätte deshalb erhebliche Folgen für die globalen Energiemärkte.

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Hormus wird zum entscheidenden Risikofaktor

Für den Ölmarkt ist dabei nicht einmal eine vollständige Blockade notwendig. Bereits steigende Sicherheitsrisiken können Tankerreeder abschrecken, Versicherungsprämien in die Höhe treiben und die Transportkosten massiv erhöhen.

Sollte der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus weiter zurückgehen, drohen zusätzliche Angebotsausfälle. Besonders kritisch ist, dass nicht nur Rohöl betroffen wäre. Auch Diesel, Kerosin und andere raffinierte Produkte werden in erheblichem Umfang über die Region exportiert.

Für Europa ist das besonders relevant. Seit dem weitgehenden Wegfall russischer Energielieferungen ist der Kontinent stärker auf alternative Bezugsquellen angewiesen. Eine länger anhaltende Hormus-Krise könnte deshalb nicht nur den Rohölpreis, sondern auch die Preise für Diesel, Heizöl und Flugkraftstoffe deutlich nach oben treiben.

120 US$ sind wieder möglich

Die Investmentbanken reagieren bereits auf die veränderte Lage. Goldman Sachs hat seine Ölpreisprognosen angehoben und sieht Brent in seinem Basisszenario zum Jahresende bei rund 85 US$. Entscheidend ist jedoch das Risikoszenario: Sollten die Ausfälle im Persischen Golf über längere Zeit bei mehreren Millionen Barrel pro Tag liegen, hält die Bank einen Anstieg des Brent-Preises auf mehr als 120 US$ für möglich.

Auch UBS hat ihre Prognosen nach oben angepasst und erwartet für März 2027 inzwischen rund 90 US$ je Barrel. Gleichzeitig gibt es weiterhin vorsichtigere Stimmen. J.P. Morgan verweist auf die hohe Förderung außerhalb der OPEC sowie die schwächere strukturelle Ölnachfrage und sieht deshalb mittel- bis langfristig wieder Preise im Bereich von etwa 78 bis 80 US$.

Damit ist das Bild keineswegs eindeutig. Kurzfristig dominiert der geopolitische Angebotsschock, während mittel- und langfristig eine höhere Produktion außerhalb des Nahen Ostens und strukturelle Nachfrageveränderungen gegen einen dauerhaft extrem hohen Ölpreis sprechen.

China liefert zusätzlichen Rückenwind

Eine weitere wichtige Entwicklung kommt aus China. Nach dem zunächst deutlichen Rückgang seiner Einkäufe erhöht das Land seine Beschaffung von Öl aus dem Nahen Osten wieder. Vor allem saudisches Rohöl gewinnt dabei an Bedeutung.

Das ist für den Ölmarkt relevant, weil China der weltweit größte Ölimporteur ist. Eine steigende chinesische Nachfrage trifft derzeit auf ein ohnehin angespanntes Angebot und verstärkt damit den Preisdruck.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Gegenspieler: Langfristig verändert sich Chinas Energieverbrauch. Die zunehmende Verbreitung von Elektrofahrzeugen und gasbetriebenen Nutzfahrzeugen verdrängt einen Teil des klassischen Ölverbrauchs im Transportsektor. Der kurzfristige Nachfrageanstieg sollte deshalb nicht mit einer Rückkehr zu früheren strukturellen Wachstumsraten verwechselt werden.

Charttechnik spricht für weitere Gewinne

Auch aus charttechnischer Sicht wird es jetzt spannend. Nach dem scharfen Rücksetzer von Ende Mai bis Anfang Juli hat Brent in den vergangenen Wochen unter teilweise hohen Schwankungen wieder deutlich zugelegt. Mit dem Sprung über 100 US$ steht der Ölpreis nun unmittelbar vor einer wichtigen technischen Bewährungsprobe.

Das 61,8%-Fibonacci-Retracement des Abschwungs seit dem März-Hoch liegt bei 100,64 US$. Nur knapp darüber befindet sich das Zwischenhoch bei rund 102 US$.

Diese Zone ist entscheidend. Gelingt Brent ein nachhaltiger Ausbruch über 100,64 bis 102 US$, wäre damit nicht nur die psychologische 100-US$-Marke zurückerobert. Auch der mittelfristige Abwärtstrend seit dem Frühjahr wäre deutlich angeschlagen.

In diesem Fall könnte sich die aktuelle Erholung zu einer dynamischen Aufwärtsbewegung entwickeln. Nächstes bedeutendes Kursziel wäre zunächst der  Bereich um 110 US$. Darüber rückt das bisherige Eskalationshoch bei rund 119,50 US$ aus der ersten Märzhälfte wieder in den Fokus.

Scheitert Brent dagegen an der Zone zwischen 100,64 und 102 US$, wäre eine erneute Konsolidierung durchaus möglich. Ein Rückfall unter 100 US$ würde das kurzfristige Kaufsignal zunächst abschwächen.

Der nächste Ölpreis-Schock?

Der Ölmarkt steht damit an einem entscheidenden Punkt. Noch ist ein Brent-Preis von 120 US$ keineswegs ausgemachte Sache. Die hohe Förderung in den USA, Brasilien und Guyana sowie strukturelle Veränderungen bei der chinesischen Ölnachfrage wirken als Gegengewicht.

Doch kurzfristig hat sich die Ausgangslage deutlich verändert. Die Eskalation rund um die Straße von Hormus erhöht die geopolitische Risikoprämie, China tritt wieder stärker als Käufer auf und gleichzeitig verschärfen sich die Risiken für die Transporte von Rohöl und raffinierten Produkten.

Brent über 100 US$ könnte deshalb mehr sein als nur eine psychologische Marke. Gelingt jetzt der nachhaltige Ausbruch über 100,64 und 102 US$, wäre charttechnisch der Weg in Richtung 110 und anschließend 119,50 US$ frei. Sollte sich gleichzeitig die Hormus-Krise weiter verschärfen, könnte aus der aktuellen Ölpreisrallye sehr schnell ein neuer Energieschock werden.

 

Alexander Hirschler
Alex ist studierter Betriebswirt. Er hat sich schon sehr früh für Finanzthemen interessiert und eine große Leidenschaft für die Börse entwickelt. Daraus ist eine Berufung geworden. Seit 2016 schreibt er fundierte Aktienanalysen mit dem Ziel, Anlegern eine Hilfestellung bei ihren Investmententscheidungen zu geben. Finde Alex auf Xing