Die Aktienmärkte in Europa haben heute ordentlich zugelegt, angetrieben von einer überraschend entspannten Lage rund um den Iran-Konflikt. Der EuroStoxx 50 schloss 0,94 Prozent höher bei 6.486,70 Punkten und setzte damit seine Rekordrally fort. Das Interessante dabei: Bis zum Mittag blieben die Gewinne noch bescheiden, erst mit dem Handelsstart in New York zog das Tempo spürbar an.

Hoffnung auf Durchbruch bei der Straße von Hormus

US-Finanzminister Scott Bessent sorgte für den entscheidenden Impuls. Er ließ im CNBC-Interview durchblicken, dass eine Einigung zur Öffnung der Straße von Hormus noch heute oder morgen möglich sein könnte. Das reichte den Märkten. Der Ölpreis gab nach, und das kam den meisten Branchen direkt zugute. Günstigere Energie verbessert die Gewinnperspektiven vieler Konzerne, das ist Konsens unter Analysten. Etoro-Marktanalyst Maximilian Wienke sieht darin eine spürbare Entlastung für die Wirtschaft insgesamt.

KI-Euphorie zieht Europa mit

Zusätzlichen Schwung lieferte die Wall Street via KI-Fantasie. Palantir und Caterpillar überzeugten mit ihren Zahlen und zerstreuten Sorgen, ob sich die milliardenschweren Investitionen in KI-Modelle und Rechenzentren wirklich lohnen. Die Antwort war heute ein klares Ja. Davon profitierte in Europa vor allem der Technologiesektor. ASML-Aktien kletterten um 3,7 Prozent und führten damit das Feld im EuroStoxx an. Starke Leistung.

Der SMI stieg um 0,64 Prozent auf 14.463,23 Punkte, der britische FTSE 100 legte um 0,20 Prozent auf 10.879,38 Zähler zu. Neue Rekorde blieben außerhalb der Eurozone aus, die Gewinne waren solide, aber nicht historisch.

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Ölwerte unter Druck, Rohstoffe vorn

Das Bild war wie so oft zweigeteilt. Europäische Rohstoffwerte setzten sich als stärkste Branche durch, getragen von der Hoffnung auf eine Konjunkturbelebung bei günstigerem Energieniveau. Ölaktien hingegen litten. Eni und Totalenergies verloren bis zu 2,9 Prozent und zählten zu den größten Verlierern im EuroStoxx. BP konnte in London trotz solider Quartalszahlen kaum punkten, am Ende stand ein Minus von knapp fünf Prozent. Shell büßte 2,5 Prozent ein.

Einzelhandel und Überraschungen vom Bau

Zalando enttäuschte mit schwächeren Umsatz- und Ergebniszahlen im zweiten Quartal. Das zog den britischen Online-Händler Ocado mit nach unten, minus 5,5 Prozent. Ganz anders lief es bei Travis Perkins: Der Baustoffproduzent präsentierte einen überzeugenden Zwischenbericht und schoss um 18 Prozent nach oben. Smith and Nephew dagegen senkte die Prognose für das Umsatzwachstum im Gesamtjahr und kassierte dafür einen Abschlag von mehr als sechs Prozent. HSBC meldete zwar ein überraschend gutes Quartal und kündigte höhere Einsparungen sowie einen Aktienrückkauf an, die Aktie gab trotzdem 0,8 Prozent nach.

Fazit: Geopolitik bleibt der entscheidende Treiber

Meiner Meinung nach ist der heutige Handelstag ein gutes Beispiel dafür, wie stark geopolitische Signale die Börsenstimmung kurzfristig dominieren. Sollte sich eine diplomatische Lösung im Iran-Konflikt tatsächlich abzeichnen, dürfte das dem EuroStoxx weiteren Aufwind geben und die Rekordrally fortsetzen. Besonders Technologie- und Rohstoffwerte könnten davon überproportional profitieren. Für Ölwerte hingegen wäre eine dauerhafte Entspannung beim Ölpreis eine echte Belastungsprobe. Ich sehe den Markt kurzfristig in einer fragilen, aber positiven Ausgangslage, die sehr stark davon abhängen dürfte, was in den nächsten Tagen aus den Verhandlungen wird.

Quelle: dpa-AFX