Die Internationale Energieagentur (IEA) schlägt Alarm. In einem heute in Paris veröffentlichten Bericht warnen die Experten des Industriestaaten-Verbands davor, dass die europäischen Gasspeicher im Verlauf des Winters auf ein rekordtiefes Niveau fallen könnten. Das ist kein Szenario aus der Mottenkiste der Pessimisten, sondern die ernüchternde Einschätzung einer Organisation, die solche Dinge sehr genau beobachtet.

Unter 10 Prozent bis Ende März

Im schlimmsten Fall, so zeigen es die IEA-Simulationen, könnten die Füllstände der EU-Gasspeicher bis Ende März auf unter 10 Prozent sinken. Voraussetzung dafür wäre ein besonders kalter Winter kombiniert mit weiteren Störungen bei den Flüssigerdgas-Lieferungen durch die Straße von Hormus. Die Straße von Hormus ist strategisch entscheidend, weil über sie ein erheblicher Teil des globalen LNG-Transports läuft. Durch die Folgen des Iran-Kriegs ist diese Route bereits heute ein Nadelöhr, das den Markt unter Druck hält.

Nach dem Winter droht das nächste Problem. Die Wiederauffüllung der Speicher im Sommer 2027 würde auf einen Markt treffen, der ohnehin schon angespannt ist. Laut IEA könnte das die Lage möglicherweise bis ins folgende Jahr hinein verlängern. Kurz gesagt: Es gibt kaum eine Atempause.

Vom Preisanstieg zum Preisschock

Was das in Zahlen bedeutet, ist bemerkenswert. Im Oktober lag der europäische Erdgaspreis noch bei 70 € je Megawattstunde. Seitdem hat er sich mehr als verdreifacht. Zeitweise kletterte er in den vergangenen Handelstagen über 100 € je Megawattstunde. Heute stieg der richtungsweisende TTF-Terminkontrakt zur Lieferung in einem Monat an der Amsterdamer Börse auf 98,26 € je MWh, mehr als drei Prozent über dem Vortageswert. Auslöser waren Meldungen über erneute US-Militärangriffe auf Ziele im Iran.

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Meiner Meinung nach ist dieser Preisanstieg keine kurzfristige Übertreibung, die sich schnell wieder legt. Die strukturellen Ursachen, nämlich die Blockade der Straße von Hormus, ein angespannter globaler LNG-Markt und volle Speicher, die diesen Winter wohl drastisch geleert werden, bleiben vorerst bestehen.

Was das für die Börse bedeutet

Für Anleger dürfte die IEA-Warnung in mehrere Richtungen wirken. Energiekonzerne mit starker Gas-Produktion oder LNG-Kapazitäten könnten von anhaltend hohen Preisen profitieren. Auf der anderen Seite stünden energieintensive Industrien unter erheblichem Kostendruck, was ihre Margen belasten würde. Ich fürchte, dass die Volatilität am Gasmarkt, die laut IEA bis zum Ende der Heizsaison weiter zunehmen könnte, auch auf breite Aktienindizes mit hohem Industrie- und Chemieanteil durchschlagen würde. Ein Gasspeicher-Füllstand unter 10 Prozent wäre kein abstraktes Datum, sondern ein handfester Belastungsfaktor für die Unternehmensgewinne im ersten Quartal 2027.

Quelle: dpa-AFX