Die geopolitische Risikoprämie ist zurück

Kaum hatten sich die Finanzmärkte auf eine Entspannung im Nahen Osten eingestellt, droht die Lage erneut zu eskalieren. Nach Angriffen auf Tanker in der Straße von Hormus haben die USA zahlreiche Ziele im Iran bombardiert und gleichzeitig die Sanktionen gegen iranische Ölexporte wieder verschärft. Teheran spricht von einem schweren Bruch der bisherigen Vereinbarungen und kündigt Gegenmaßnahmen an.

Die Börsen reagierten sofort. Während Aktien weltweit unter Druck gerieten, sprang der Ölpreis kräftig an. Brent verteuerte sich zeitweise um mehr als 6% auf fast 80 US$ je Barrel und erreichte damit den höchsten Stand seit rund zwei Wochen. Der Markt preist wieder eine geopolitische Risikoprämie ein – und genau diese war nach der Waffenruhe zuletzt nahezu vollständig verschwunden.

Warum die Straße von Hormus so wichtig ist

Der Konflikt betrifft weit mehr als nur den Ölpreis. Die Straße von Hormus zählt zu den wichtigsten Handelsrouten der Welt. Ein erheblicher Teil des globalen Öl- und Flüssiggasexports passiert täglich die nur wenige Dutzend Kilometer breite Meerenge.

Eine erneute Blockade oder anhaltende militärische Auseinandersetzungen hätten weitreichende Folgen:

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  • steigende Öl- und Gaspreise
  • höhere Transport- und Versicherungskosten
  • Belastungen für globale Lieferketten
  • neuer Inflationsdruck
  • möglicherweise restriktivere Geldpolitik der Notenbanken

Je länger die Unsicherheit anhält, desto größer dürfte die Nervosität an den Kapitalmärkten werden.

Kurzfristig dominiert die Politik

Noch vor wenigen Tagen rechneten viele Analysten mit weiter fallenden Ölpreisen. Hintergrund waren die geplante Produktionsausweitung der OPEC+, steigende Fördermengen außerhalb des Kartells und die Hoffnung auf eine nachhaltige Beruhigung im Nahen Osten.

Doch dieses Narrativ gerät nun ins Wanken.

Kurzfristig bestimmen nicht Angebot und Nachfrage den Markt, sondern geopolitische Schlagzeilen. Jeder neue Angriff, jede Drohung und jede Einschränkung des Schiffsverkehrs kann den Ölpreis innerhalb weniger Stunden deutlich bewegen.

Viele Banken bleiben skeptisch

Zwar halten mehrere Investmentbanken bislang an ihrer mittelfristig eher vorsichtigen Einschätzung fest. Sie verweisen auf die geplanten Förderausweitungen der OPEC+, eine robuste Produktion außerhalb des Kartells sowie die Sorge vor einer schwächeren Weltkonjunktur.

Entsprechend erwarten einige Häuser wie Citigroup oder Goldman Sachs im weiteren Jahresverlauf wieder niedrigere Ölpreise. Diese Prognosen beruhen allerdings weitgehend auf der Annahme, dass sich die geopolitische Lage weiter entspannt und größere Lieferunterbrechungen ausbleiben – genau diese Annahme wird durch die jüngsten Entwicklungen nun jedoch zunehmend infrage gestellt.

Es gibt aber auch eine bullische Gegenthese

Demgegenüber stehen zahlreiche Rohstoffexperten, die den Fokus weniger auf die Terminmärkte als auf die physische Versorgung legen.

Sie verweisen auf mehrere strukturelle Risiken:

  • weltweit sinkende Lagerbestände
  • sehr niedrige Reserven in Cushing (Oklahoma)
  • hohe Auslastung amerikanischer Raffinerien
  • anhaltend starke Sommernachfrage
  • sinkende strategische US-Ölreserven (SPR)
  • weiterhin fragile Lieferketten rund um den Persischen Golf

Nach dieser Sichtweise unterschätzt der Markt derzeit die tatsächliche Knappheit am physischen Ölmarkt. Sollte die Lage im Nahen Osten weiter eskalieren, könnte die geopolitische Risikoprämie dauerhaft zurückkehren und die Preise deutlich stärker steigen lassen als viele derzeit erwarten.

Worauf Anleger jetzt achten sollten

Für Anleger richtet sich der Blick in den kommenden Wochen vor allem auf die weitere Entwicklung im Nahen Osten. Sollte der Konflikt weiter eskalieren oder der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus erneut eingeschränkt werden, dürfte der Ölpreis rasch weitere Risikoaufschläge einpreisen.

Gleichzeitig sprechen sinkende Lagerbestände, hohe Raffinerieauslastungen und begrenzte Reservekapazitäten dafür, dass der Markt heute deutlich anfälliger auf Angebotsausfälle reagiert als noch vor einigen Jahren. Schon vergleichsweise kleine Störungen könnten daher kräftige Preisbewegungen auslösen.

Darüber hinaus werden Investoren genau verfolgen, wie die OPEC+ auf die neue Lage reagiert und ob die geplanten Produktionsausweitungen tatsächlich umgesetzt werden. Ebenso wichtig bleibt die Entwicklung der weltweiten Lagerbestände, denn sie geben Aufschluss darüber, wie groß die Puffer im globalen Ölmarkt tatsächlich noch sind.

Die Geldpolitik der Notenbanken dürfte dagegen eher indirekt eine Rolle spielen: Sollten dauerhaft höhere Energiepreise die Inflation erneut anheizen, könnten Zinssenkungen zwar verzögert werden, was die Wirtschaft und damit auch die Ölnachfrage bremsen könnte. Für den Ölpreis bleiben jedoch in erster Linie Angebot, Nachfrage und geopolitische Risiken die entscheidenden Einflussfaktoren.

Fazit: Die Risiken sprechen wieder für höhere Ölpreise

Die vergangenen Wochen haben eindrucksvoll gezeigt, wie schnell sich die Stimmung am Ölmarkt drehen kann. Noch Anfang Juli dominierten Hoffnungen auf eine dauerhafte Entspannung im Nahen Osten und ein Überangebot am Weltmarkt. Mit der jüngsten Eskalation rückt jedoch wieder in den Vordergrund, was den Ölmarkt seit Jahren prägt: geopolitische Risiken und eine äußerst geringe Fehlertoleranz auf der Angebotsseite.

Zwar rechnen einige Investmentbanken weiterhin mit sinkenden Preisen. Diese Prognosen setzen allerdings voraus, dass sich die Lage im Persischen Golf stabilisiert und die geplanten Produktionsausweitungen tatsächlich umgesetzt werden können. Genau daran wachsen derzeit die Zweifel. Gleichzeitig bleiben die weltweiten Lagerbestände niedrig, die strategischen Reserven sind deutlich kleiner als früher und die Nachfrage entwickelt sich bislang robuster als erwartet.

Vor diesem Hintergrund spricht derzeit vieles dafür, dass die jüngste Erholung mehr ist als nur eine kurzfristige Gegenbewegung. Sollte sich die Lage im Nahen Osten weiter zuspitzen oder die Lieferketten erneut gestört werden, dürfte der Ölpreis seine Aufwärtsbewegung fortsetzen. Die Phase niedriger Preise könnte sich damit im Nachhinein eher als Verschnaufpause in einem übergeordneten Aufwärtstrend erweisen.

Alexander Hirschler
Alex ist studierter Betriebswirt. Er hat sich schon sehr früh für Finanzthemen interessiert und eine große Leidenschaft für die Börse entwickelt. Daraus ist eine Berufung geworden. Seit 2016 schreibt er fundierte Aktienanalysen mit dem Ziel, Anlegern eine Hilfestellung bei ihren Investmententscheidungen zu geben. Finde Alex auf Xing