Während die Märkte lange Zeit von Big Tech dominiert wurden, zeichnet sich ein fundamentaler Paradigmenwechsel ab: Energie wird zum entscheidenden Faktor für Wachstum, Bewertung und Marktperformance – nicht zuletzt durch den dramatisch steigenden Energiebedarf moderner Technologien wie KI-Rechenzentren. Dieser strukturelle Versatz könnte die nächste große Kapitalrotation an den Finanzmärkten auslösen – mit Gewinnern und Verlierern, die jetzt schon sichtbar werden.

[Einen Paradigmenwechsel erlebt aktuell auch Venezuela. Welche Investitionschancen dieser Wandel eröffnet, erfahren Sie hier]

Kurzfristige Marktbewegung: Tech-Selloff trifft Zinsunsicherheit

Im November kam es an den Märkten zu einer kräftigen Abwärtsbewegung: Aussagen einer Fed-Gouverneurin, dass Zinssenkungen nicht sicher seien, trafen auf eine unklare Datenlage infolge des langwierigen US-Regierungs-Shutdowns. Dies führte zu breit angelegten Verkäufen – besonders bei hochbewerteten Tech-Assets, die auf dauerhaft günstiges Geld und stetiges Umsatzwachstum gebaut hatten.

Zwar haben sich die Märkte zuletzt wieder erholt, doch der eigentliche, noch unausgesprochene Stressfaktor für die Tech-Story ist ein anderer: Energie.

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Ein fundamentales Problem: Energie als Engpass für Tech

Big-Tech-Konzerne sind technologisch führend – doch sie sind alle auf eine einzige, lebenswichtige Ressource angewiesen: Energie. Die massive Nachfrage nach Rechenleistung, besonders für KI-Workloads, bringt die Frage auf den Tisch, die Sam Altman (OpenAI) mit einem klaren Bekenntnis beantwortete: „We need to make more electrons.“ – Energie ist der kritische Engpass für die Weiterentwicklung von KI.

Diese Aussage unterstreicht, dass nicht GPUs oder Algorithmen das limitierende Element sind, sondern der zugrunde liegende Energiebedarf.

Aktuelle Energiemärkte: Knapp, aber nicht überbewertet

Rohöl (Brent) notiert aktuell um etwa 65 US$/Barrel, WTI bei rund 61 US$/Barrel – preislich stabil, aber unter Druck durch Angebotsüberhänge und schwache Nachfrageimpulse.

Erdgas (Henry Hub) bewegt sich um 3,3–3,4 US$/MMBtu – ein Niveau, das historisch gesehen eher niedrig bis moderat ist, aber angesichts steigender Nachfrage aus LNG-Exporten und Winterbedarf nicht alltäglich ist.

Diese Preise spiegeln noch keine disruptive Energieknappheit wider – sondern eher ein Marktgleichgewicht, das fragil, aber bereit ist, auf strukturelle Nachfrageverschiebungen zu reagieren.

Warum Energie der nächste große Investment-Case wird

Mehrere Faktoren verstärken diese These:

  • Exponentielles Wachstum der Rechenzentren treibt die Nachfrage, insbesondere in den USA, massiv an.
  • Infrastruktur- und CapEx-Engpässe hemmen die schnelle Expansion der Energieproduktion.
  • Erdgas bleibt mittelfristig Grundlast, bevor erneuerbare Kapazitäten flächendeckend ausgebaut sind.
  • Reservoir- und Bohrungsdynamiken zeigen, dass bestehende Felder ohne kontinuierliche Investitionen schnell an Druck verlieren.
  • Preisniveaus sind strukturell zu niedrig, um ausreichend neue Produktion anzuziehen – was potenziellen Aufwärtsdruck erzeugt.
  • Dies alles führt zu einer wachsenden Diskrepanz zwischen Energie-Nachfrage und -Versorgung, die von den Finanzmärkten noch weitgehend ignoriert wird.

Kapitalrotation: Weg von überbewertetem Big Tech

Die Tech-Blase, insbesondere im AI-Segment, leidet unter extremen Bewertungen, die nur durch stetige Wachstumserwartungen gestützt werden können. Doch der Druck wächst, weil Energie die tatsächliche Wachstumsgrundlage für Rechenleistung ist. Während Technologie die kreative Kraft bleibt, ist Energie die Enabler-Ressource, ohne die keine digitale Zukunft möglich ist.

Die kommenden Jahre könnten daher durch eine Rotation institutioneller und privater Kapitalströme von Tech-Betas zu Energie-Werten geprägt sein – von Öl und Gas bis hin zu Energieinfrastruktur, Erzeugung und Versorgungskapazitäten.

Fazit: Energie wird zum Gewinner der KI-Blase

Big Tech mag weiterhin Innovation treiben – aber es ist Energie, die diese Innovation überhaupt ermöglicht. Der Markt beginnt das zu erkennen, doch die Bewegung steckt noch in den Anfängen.

Sollte sich die Nachfrage nach Energie so entwickeln wie erwartet (insbesondere durch KI-Rechenzentren und LNG-Exports), dann eröffnet sich ein einmaliges Chance-Risikoprofil für Energieinvestments – inklusive Kursgewinnen und laufenden Erträgen.

Niemand kann den absoluten Tiefpunkt zeitgenau treffen – aber die relative Attraktivität von Energie gegenüber teuer bewerteten Tech-Papieren spricht für eine strategische Allokationsverschiebung, die in den kommenden Jahren enorme Alpha-Chancen bieten könnte.

Miriam Kraus
Die selbstständige Finanzanalystin Miriam Kraus hat sich in den vergangenen 15 Jahren in der Branche einen Namen gemacht. Auftraggeber wie Banken und Investmentgesellschaften sind immer wieder beeindruckt von ihren akribisch recherchierten Berichten. Dabei hat sie sich weitreichende Börsenkenntnisse angeeignet, insbesondere in ihren Spezialgebieten Osteuropa-Aktien, Emerging Markets, Devisen- und Rohstoffmärkte.