Brent-Öl hat die 110-US$-Marke durchbrochen, WTI kratzt an den 100 US$. Der Irankrieg zeigt seine volle Wirkung auf die Energiemärkte. Genau so, wie es viele Experten befürchtet hatten. Der Konflikt geht mittlerweile in die fünfte Woche und dehnt sich weiter aus. Die vom Iran unterstützten Huthi-Milizen sind aktiv eingetreten. Was daraus folgt, ist kein lokaler Brandherd mehr, sondern ein regionaler Flächenbrand mit globalen Auswirkungen.

Gestörte Handelsrouten treiben Preise

Die Huthis spielen für die Ölmärkte eine kritische Rolle. Sie haben schon früher den Schiffsverkehr im Roten Meer massiv behindert. Tanker und Frachtschiffe müssen längere Umwege fahren. Die Fracht- und Versicherungskosten explodieren. Die Risiken entlang der globalen Energie-Lieferketten verschärfen sich dramatisch.

Die USA haben weitere 3.500 Soldaten in die Region verlegt. Trump legte mit aggressiven Aussagen nach. Er wolle “das Öl im Iran nehmen” und notfalls auch den Exportknotenpunkt Kharg Island ins Visier nehmen. Solche Aussagen sind keine bloße Rhetorik mehr. Der Markt preist sie unmittelbar als Risiko für Angebotsausfälle und militärische Gegenreaktionen ein. Ernsthafte Friedensgespräche? Fehlanzeige. Die geopolitische Risikoprämie bleibt hoch.

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Backwardation zeigt physische Knappheit

Die Brent-Terminkurve steht in ausgeprägter Backwardation. Kurzfristig lieferbares Öl wird mit über 7 US$ Aufschlag pro Barrel gegenüber späteren Kontrakten gehandelt. Vor Kriegsausbruch war die Kurve noch flach. Diese Struktur signalisiert akute Knappheit im physischen Markt. Händler und Raffinerien bezahlen mehr für sofortige Versorgung als für spätere Lieferungen.

Die Internationale Energieagentur hat die größte koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven ihrer Geschichte beschlossen. Rund 426 Millionen Barrel kommen aus öffentlichen und verpflichteten Industriebeständen. Das klingt nach viel. Gemessen an der Störung durch die Straße von Hormus reicht es aber nicht. Täglich liefen vor dem Konflikt rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte durch diese Meerenge. Ein Fünftel des globalen Ölverbrauchs, ein Viertel des seeseitigen Handels. Diese Ströme sind laut IEA nahezu versiegt.

Nicht nur Öl, auch Gas und LNG unter Druck

Europa steht vor einem Problem. Die Verfügbarkeit von LNG verschlechtert sich just vor Beginn der sommerlichen Speicherauffüllsaison. Die Sommermonate nutzt Europa traditionell, um die Gasspeicher für den Winter zu füllen. Jede längere Störung im LNG-Markt bremst diese Einspeicherung. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb um frei verfügbare Spotladungen. Die globale LNG-Flexibilität ist ohnehin begrenzt. Zusätzliche Ausfälle, etwa durch Sturmschäden an einer großen australischen LNG-Anlage, verengen das Angebot weiter. Europa bleibt trotz aller Diversifizierung stark von externen Energieschocks abhängig.

Aluminium und Agrarrohstoffe profitieren ebenfalls

An den Metallmärkten macht sich die Eskalation bemerkbar. Besonders Aluminium springt nach oben. Neue Angriffe haben zwei große regionale Produzenten getroffen. Emirates Global Aluminium meldete erhebliche Schäden, Aluminium Bahrain prüft noch die Beeinträchtigungen. EGA ist einer der weltweit wichtigsten Aluminiumhersteller. Der Markt reagiert entsprechend sensibel.

Frühere Produktionskürzungen bei Alba und Qatalum hatten bereits rund 560.000 Tonnen jährliche Kapazität beeinträchtigt. Damit stehen 8 bis 9 Prozent der regionalen Produktionskapazität unter Risiko. Der Nahe Osten stellt etwa 9 Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion. Länger anhaltende Ausfälle wären mehr als nur ein lokales Problem. Die Region hält bei Rohstoffen und Vorprodukten nur begrenzte Lagerbestände. Sie ist stark auf störungsfreie Transporte durch die Straße von Hormus angewiesen.

Selbst im Agrarsektor zeigen sich politische Reaktionen. Die Trump-Regierung hat die Biofuel-Blending-Mandate angehoben. Raffinerien müssen in diesem Jahr 25,82 Milliarden Gallonen Biokraftstoffe in Benzin und Diesel beimischen. Das sind knapp 8 Prozent mehr als noch im Juni vorgesehen. Die Maßnahme reflektiert gestiegene Benzinpreise infolge des Iran-Konflikts. Sie stärkt sowohl den Energie- als auch den Agrarsektor, da höhere Biofuel-Quoten die Nachfrage nach Mais, Soja und anderen Agrarrohstoffen unterstützen.

Fazit

Die geopolitische Eskalation im Nahen Osten hat sich zu einem breit angelegten Rohstoff- und Versorgungsschock entwickelt. Öl bleibt der sichtbarste Kanal, doch die Auswirkungen reichen tief in Gas-, Metall-, Düngemittel-, Logistik- und Agrarmärkte hinein. Kritisch ist vor allem, dass zentrale Handels- und Transitwege über längere Zeit gestört bleiben könnten. Die geopolitischen Risikoprämien werden hoch bleiben und in einzelnen Rohstoffsegmenten eher noch weiter steigen. Anleger, die frühzeitig auf steigende Energiepreise und Versorgungsengpässe gesetzt haben, können von dieser Entwicklung profitieren. Was von der US-Regierung nicht zu behaupten ist.

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Miriam Kraus
Die selbstständige Finanzanalystin Miriam Kraus hat sich in den vergangenen 15 Jahren in der Branche einen Namen gemacht. Auftraggeber wie Banken und Investmentgesellschaften sind immer wieder beeindruckt von ihren akribisch recherchierten Berichten. Dabei hat sie sich weitreichende Börsenkenntnisse angeeignet, insbesondere in ihren Spezialgebieten Osteuropa-Aktien, Emerging Markets, Devisen- und Rohstoffmärkte.