Vom KI-Boom zur Rohstofffrage

Ich möchte meinen Gedankengang mit einer unbequemen Frage eröffnen:
Stecken KI-Aktien – und womöglich auch die massiven Investitionen in ihre Infrastruktur – bereits in einer Blase?

Bei vielen KI-Aktien lässt sich diese Frage angesichts teils extremer Bewertungen kaum noch verneinen. Doch wie steht es um die zweite Reihe des KI-Booms: Rechenzentren, Halbleiter, Server, Energieversorgung? Auch hier explodieren die Investitionen – und damit wächst das Risiko von Fehlallokationen.

Ein Warnsignal ist die zunehmend „kreative“ Finanzierung innerhalb der Branche. Jüngste Beispiele zeigen zirkuläre Geldströme zwischen großen KI-Playern, bei denen Investitionen, Umsätze und Bewertungen gegenseitig befeuert werden. Solche Strukturen sind typisch für späte Phasen eines Booms.

Die entscheidende Frage lautet daher:
Würde ein Platzen einer möglichen KI-Blase auch den Rohstoff-Bullenmarkt beenden?

Anzeige
sharedeals Plus

Meine Antwort ist klar: Nein.

Warum der Rohstoff-Bullenmarkt auch ohne KI weiterläuft

Selbst bei einer deutlichen Korrektur im KI-Sektor sprechen mehrere starke Argumente dafür, dass Rohstoffe – insbesondere Gold – strukturell weiter Rückenwind erhalten:

  1. Verzögerungseffekte bei der Nachfrage
    Der Ausbau der KI-Infrastruktur ist real und weit fortgeschritten. Rechenzentren, Energienetze und Produktionskapazitäten befinden sich im Bau oder in Planung. Diese Projekte sichern die Rohstoffnachfrage noch für Jahre – unabhängig von kurzfristigen Aktienkursen.
  2. Globale Infrastrukturprogramme
    Weltweit besteht massiver Investitionsbedarf: alternde Infrastruktur, Wiederaufbauprojekte (Ukraine, Nahost) sowie Großprojekte wie Chinas Wasserkraftausbau treiben den Rohstoffverbrauch langfristig.
  3. Deglobalisierung verteuert Rohstoffe
    Zölle, Handelsbeschränkungen und der Trend zur lokalen Produktion machen Rohstoffe knapper und teurer. Neue Minen entstehen nicht über Nacht – ihr Bau verschlingt selbst enorme Mengen an Metallen und Energie.
  4. Fiskalische Expansion & schwächerer Dollar
    Steigende Staatsausgaben, hohe Verschuldung und ein strukturell schwächerer US-Dollar erhöhen sowohl die reale als auch die spekulative Nachfrage nach Rohstoffen als Inflationsschutz.
  5. Energiewende bleibt global intakt
    Auch wenn die Förderung erneuerbarer Energien in den USA zeitweise stockt: global – vor allem in China – wird weiter massiv investiert. Das stützt die Nachfrage nach Kupfer, Silber, Zinn & Co.
  6. Gold als Vorläufer eines breiten Rohstoff-Bullenmarkts
    Historisch gilt: Große Rohstoff-Haussephasen beginnen mit Gold. Genau das erleben wir derzeit.

Gold: Strukturelle Treiber für eine mehrjährige Hausse

Gold hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Outperformance gegenüber dem S&P 500 erzielt – ein Muster, das stark an die Phase 2001–2011 erinnert. Auch damals verlief der Anstieg nicht linear, sondern in Wellen: starke Rallyes, gefolgt von gesunden Korrekturen.

Die jüngste Schwächephase war genau eine solche „Verdauung“.
Und sie ist inzwischen beendet: Gold hat die Konsolidierung abgeschlossen und neue Allzeithochs erreicht.

Ein Blick auf die Langfristdaten zeigt:

  • Der Großteil der Kursgewinne entfiel auf die letzten Jahre
  • Goldminen haben den Goldpreis zuletzt klar übertroffen
  • Die Gold-/S&P-500-Ratio signalisiert einen beginnenden strukturellen Trend zugunsten von Gold

Warum Gold heute stärker ist als früher

Mehrere Kräfte wirken gleichzeitig:

  • Zentralbanken stocken ihre Goldreserven weiter auf – allen voran China
  • Vertrauensverlust in Staatsanleihen als „sichere Anlage“
  • Geopolitische Fragmentierung und Währungsdiversifikation
  • Starke physische Nachfrage aus Asien, insbesondere von Privatanlegern

Hinzu kommen drei klassische Treiber, die zuletzt wieder an Bedeutung gewinnen:

Zinssenkungen: Sinkende Zinsen reduzieren die Opportunitätskosten von Gold.
Schwächerer US-Dollar: Gold wird international günstiger und attraktiver.
Inflationäres Umfeld: Historisch eines der besten Szenarien für Gold.

Warum die jüngste Korrektur gesund war

Nach dem steilen, spekulativ getriebenen Anstieg war eine Gegenbewegung überfällig. Sie hat kurzfristig überhitzte Positionen bereinigt – ohne die fundamentale Nachfrage zu beschädigen.

Wichtig ist:

  • ETF-Bestände liegen noch deutlich unter früheren Hochs
  • Viele Investoren sind weiterhin unterinvestiert
  • Rücksetzer werden zunehmend als Einstieg genutzt

Genau deshalb blieb der Verkaufsdruck begrenzt – und genau deshalb konnte Gold inzwischen wieder auf neue Rekordstände ausbrechen.

Fazit: Die Gold-Rallye steht nicht vor dem Ende – sie beginnt erst richtig

Der Goldmarkt hat seine erste Etappe abgeschlossen. Die jüngste Korrektur war kein Warnsignal, sondern ein notwendiger Zwischenschritt innerhalb eines übergeordneten Bullenmarkts.

Gold ist:

  • strukturell untergewichtet
  • fundamental gut unterstützt
  • historisch nicht überteuert im Vergleich zu Aktien

Echte Markttops entstehen nicht, solange ein Großteil der Anleger noch zweifelt.
Und genau das ist aktuell der Fall.

Die Rallye ist nicht überhitzt – sie ist reif für die nächste Phase.
Wir bleiben daher klar positioniert und sehen Rücksetzer weiterhin als strategische Kaufgelegenheiten in einem mehrjährigen Aufwärtstrend.

Miriam Kraus
Die selbstständige Finanzanalystin Miriam Kraus hat sich in den vergangenen 15 Jahren in der Branche einen Namen gemacht. Auftraggeber wie Banken und Investmentgesellschaften sind immer wieder beeindruckt von ihren akribisch recherchierten Berichten. Dabei hat sie sich weitreichende Börsenkenntnisse angeeignet, insbesondere in ihren Spezialgebieten Osteuropa-Aktien, Emerging Markets, Devisen- und Rohstoffmärkte.